Am 1. und 2. Oktober 2026 fand an der Universität Graz die Tagung „Gender, Intermedialität, Konfession – Religiöse Geschlechtsnormierungen revisited“ des Elisabeth-List-Fellowship-Programms "Zwischen Bild und Text" statt. Im Zentrum stand die Frage, wie religiöse Vorstellungen von Geschlecht in unterschiedlichen historischen, medialen und konfessionellen Kontexten hervorgebracht, vermittelt und verändert werden. Besonderes Augenmerk galt dabei dem Zusammenspiel von Texten, Bildern, Körpern und Ritualen.
Die Tagung war trans- und interdisziplinär angelegt und brachte Perspektiven aus Theologie, Religionswissenschaft sowie Kunst- und Kulturwissenschaft miteinander ins Gespräch. Zugleich ermöglichte die Beteiligung evangelischer und katholischer Theolog:innen einen interkonfessionellen Austausch über konfessionelle Geschlechterkonstruktionen und -normierungen, der sich für die Fragestellung als besonders fruchtbar erwies: Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Wechselwirkungen konfessionell geprägter Geschlechtervorstellungen konnten so vergleichend anhand unterschiedlicher Medien wie Lutherfilme, Predigten der Frühen Neuzeit, direkte Äußerungen Luthers oder sexualisierter Konfessionszuschreibungen in der Frühen Neuzeit in den Blick genommen werden.
Konzeptionell grundlegend für das Tagungsthema war der Ausgangspunkt, dass Prozesse religiöser Geschlechtsnormierung nicht allein über normativ gesetzte theologische Aussagen getroffen werden, sondern auch medial, körperlich und rituell hervorgebracht und stabilisiert werden. Vice versa können über diese Medien gesetzte Normen aufgebrochen und verändert werden.
Besonders deutlich wurde dies auch anhand von Christusdarstellungen in der Frühen Neuzeit, wie dem Gemälde "Salvator Mundi" von Leonardo da Vinci. Der Kunsthistoriker Prof. Dr. Zitzlsperger legte überzeugend dar, dass da Vinci weiblich konnotierte Attribute aufgriff, um Christus als androgynen Menschen darzustellen. Auch thematisiert wurde durch den Junior Fellow des ELF-Projektes Torben Hanhart eine weit verbreitete Bildtradition in der Frühen Neuzeit, in der Christus mit nährender Brust dargestellt und die zum christlich-ethische Vorbild für männliche Ordensgemeinschaften wurde. Damit wurde sichtbar, dass religiöse Bildtraditionen mitunter komplexere Vorstellungen von Geschlecht entwickeln, als es eine eindeutige Zuordnung zu männlich oder weiblich vermuten lässt.